Hypnose und Familienaufstellung

28.07.2026

Dieser Artikel zeigt Schritt für Schritt, wie Andrea (52) mithilfe einer imaginativen systemischen Aufstellung die eigentliche Ursache ihres Rauchens erkannte und auflöste – und warum die Veränderung weit über die Raucherentwöhnung hinausging. Das Fallbeispiel stammt aus der langjährigen Coachingpraxis des Autors.

Sie erfahren
•warum systemische Aufstellungen auch ohne Stellvertreter, Bodenanker oder Systembrett möglich sind
•weshalb sich diese Form der Aufstellung besonders bei schambehafteten oder sehr persönlichen Themen bewährt
•wie belastende Familienmuster, innere Anteile und Beziehungskonflikte sichtbar werden können, ohne sich vor einer Gruppe öffnen zu müssen
•wie sich diese Form der Aufstellung diskret und flexibel in jeden Coachingprozess integrieren lässt
•weshalb nicht die äußere Form der Aufstellung entscheidend ist, sondern die Qualität der inneren Erfahrung
•warum die imaginative Aufstellung heute zu den vielseitigsten Methoden der systemischen Coachingarbeit zählt

Systemische Aufstellung - geht das auch ohne Stellvertreter, Bodenanker oder Systembrett?

Wie systemische Aufstellungen allein mit inneren Bildern gelingen können - und warum sich diese Form besonders gut in Coachingsprozesse integrieren lassen.

Aufstellungen brauchen nicht immer äußere Hilfsmittel

Viele Menschen glauben, dass systemische Aufstellungen Stellvertreter, Bodenanker oder ein Systembrett voraussetzen.

Tatsächlich geht es auch ohne äußere Hilfsmittel.

Systemische Aufstellungen können ausschließlich mit inneren Bildern durchgeführt werden. Genau diese Form der Aufstellungsarbeit steht im Mittelpunkt dieses Beitrags.

Entscheidend ist nicht, womit gearbeitet wird, sondern was dadurch sichtbar werden kann. Alle Formen der Aufstellungsarbeit machen erlebte Beziehungen sichtbar und eröffnen neue Perspektiven auf festgefahrene Dynamiken.

Der Unterschied liegt vor allem in der Durchführung.

Während klassische Aufstellungen meist ein eigenes Setting benötigen, kann eine Arbeit mit inneren Bildern unmittelbar aus einem laufenden Coaching entstehen.

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt die Geschichte von Andrea.

Andrea wollte eigentlich nur mit dem Rauchen aufhören

Andrea ist 52 Jahre alt und arbeitet als Angestellte. Seit ihrem siebten Lebensjahr raucht sie 10 bis 15 Zigaretten täglich. Mehrere Versuche, rauchfrei zu werden, sind gescheitert. Auf der Suche nach Unterstützung vereinbart sie einen Termin zur Raucherentwöhnung.

Die Ausgangsfrage scheint zunächst eindeutig: Wie kann Andrea mit dem Rauchen aufhören?

Zu Beginn des Coachings geht es darum, ihr Anliegen zu verstehen und gemeinsam herauszufinden, welche Faktoren das Rauchen aufrechterhalten. Welche Methoden dabei zum Einsatz kommen, entscheidet sich erst im weiteren Verlauf. Dass daraus eine systemische Aufstellung entstehen würde, war zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar.

Im ersten Gespräch berichtet Andrea unter anderem von ihrem Vater.

Sie beschreibt ihn als starken Raucher, jähzornig und emotional kaum erreichbar.

Als Kind hatte sie große Angst vor ihm.

Deutlich wird auch, dass die Zigarette für Andrea weit mehr ist als eine Gewohnheit. Sie scheint in belastenden Situationen eine wichtige Funktion zu erfüllen.

Damit verändert sich die Fragestellung. Im Fokus steht nicht mehr, wie Andrea mit dem Rauchen aufhören kann, sondern wofür sie das Rauchen überhaupt braucht.

Die Suche nach den Ursachen führt schließlich an einen Ort, mit dem Andrea überhaupt nicht gerechnet hat: in ihre Familie.

Es geht nicht um Nikotin. Es geht um Beziehung.

Im Mittelpunkt steht zunächst das Verstehen und Auflösen der Ursachen ihres Rauchverlangens.

Um den Zugang zu ihren Erinnerungen, Gefühlen und inneren Bildern zu erleichtern, begleite ich Andrea in eine hypnotische Trance.

Ich bitte Andrea, das Gefühl wahrzunehmen, das unmittelbar vor dem Griff zur Zigarette auftaucht. Das Gefühl, welches sie zwingt, zu rauchen.

Dann lade ich sie ein: „Lass Dich von diesem Gefühl zurückziehen - zur ersten Situation - in der Du Dich genauso gefühlt hast.“

Nach kurzer Zeit beginnt sie zu erzählen.

Sie denkt sich nichts aus. Sie beschreibt einfach das, was in ihrem inneren Erleben spontan entsteht.

Sie ist sieben Jahre alt.

In ihrer Hand hält sie ihre erste Zigarette.

Sie nimmt den ersten Zug.

Die meisten Menschen erleben an dieser Stelle die natürliche Reaktion ihres Körpers von damals noch einmal: Husten, Übelkeit, Schwindel oder ein ausgeprägtes Ekelgefühl.

Bei Andrea geschieht etwas völlig anderes.

Sie atmet tief durch.

Ihr Gesicht beginnt zu strahlen.

Dann sagt sie: „Ich bin so stark wie Papa.“

Mit diesem Satz verändert sich die Blickrichtung.

Es geht nicht um Nikotin und Gewohnheit.

Es geht um Beziehung.

Die Zigarette war offenbar der Versuch, sich ein Gefühl zu verschaffen, das ihr als Kind gefehlt hatte: sich ihrem Vater nicht mehr unterlegen zu fühlen. Dies ist keine objektive Aussage über Andreas Kindheit, sondern eine Arbeitshypothese, die sich aus ihrem heutigen Erleben ergibt und im weiteren Verlauf überprüft wird.

Doch damit ist erst ein Teil der Antwort gefunden. Offen bleibt die Frage, warum Andrea dieses Gefühl als Kind überhaupt vermisst hat. Allein durch die Regression lässt sich das nicht beantworten.

An diesem Punkt entsteht die Indikation für eine systemische Aufstellung.

Nicht, weil sie von Anfang an geplant war, sondern weil erst jetzt deutlich wird, dass die eigentliche Ursache vermutlich in den frühen Beziehungserfahrungen mit ihrem Vater liegt.

Was in Andreas Familie gefehlt hat

Ich bitte Andrea, sich eine freie Bühne vorzustellen.

Sie betrachtet das Geschehen nicht aus der Rolle des siebenjährigen Mädchens, sondern als Erwachsene. Von außen, aus dem Zuschauerraum. Wie eine Regisseurin.

So kann sie alles beobachten, ohne von ihren damaligen Gefühlen überwältigt zu werden. Und sie behält den Überblick.

Zuerst stellt sie die siebenjährige Andrea auf die Bühne.

Wo steht das Mädchen?

Wohin schaut sie?

Wie fühlt sie sich?

Dann stellt sie ihren Vater in seinem damaligen Alter dazu.

Wo steht er?

Wie fühlt er sich?

Wie nah oder fern ist er?

Schaut er seine Tochter an?

Oder blickt er an ihr vorbei?

Danach folgen ihre Mutter und ihre Schwester.

Niemand sagt Andrea, wo diese Menschen stehen sollen.

Niemand gibt vor, wie sie aussehen oder was sie empfinden müssen.

Sie beschreibt lediglich das, was sich spontan vor ihrem inneren Auge zeigt.

Nach und nach entsteht ein Bild ihrer Familie.

Nicht so, wie sie objektiv gewesen ist.

Sondern so, wie Andrea sie als Kind erlebt hat.

Sie dokumentiert nicht die Vergangenheit.

Sie macht das innere Beziehungserleben sichtbar.

Andrea schaut immer wieder auf ihren Vater.

Zunächst wirkt er genauso, wie sie ihn in Erinnerung hat.

Er verkörpert Stärke.

Groß. Dominant. Unnahbar.

Andrea beobachtet, welche Gefühle dieses Bild bei ihr auslöst.

Stress, Hilflosigkeit, Traurigkeit.

Ich leite sie an, diese Gefühle Schritt für Schritt zu verarbeiten.

Nach und nach verändert sich ihre Wahrnehmung.

Hinter seiner äußeren Stärke erkennt sie etwas, womit sie nicht gerechnet hat.

Er wirkt erschöpft.

Angespannt.

Fast so, als müsse er seine Stärke ständig unter Beweis stellen.

Ich frage „Welches Gefühl könnte deinem Vater gefehlt haben?"

Sie schaut ihn lange an.

Dann sagt sie leise: „Stolz."

Nicht Stolz im Sinne von Überlegenheit.

Sondern das ruhige Gefühl, mit sich selbst im Reinen zu sein.

Sich nicht ständig beweisen zu müssen.

Sich selbst als wertvoll erleben zu können.

Mit einem Mal verändert sich der Blick auf die Familie.

Nicht nur der kleinen Andrea fehlt etwas Entscheidendes.

Auch ihrem Vater.

Vielleicht kann er seiner Tochter dieses Gefühl nicht vermitteln, weil er es selbst nie erfahren hat.

Die fehlende Ressource1)

Bis hierher ging es darum zu verstehen, was Andrea und ihrem Vater gefehlt hat.

Jetzt beginnt die eigentliche Veränderungsarbeit.

Andrea richtet ihren Blick noch einmal auf den Vater.

Diesmal stellt sie sich vor, ihm hätte damals das Gefühl von Stolz zur Verfügung gestanden.

Langsam verändert sich das Bild.

Sein Gesicht wirkt weich.

Sein Blick wird ruhig.

Seine Schultern entspannen sich.

Zum ersten Mal schaut er seine Tochter an.

Nicht streng.

Nicht prüfend.

Nicht fordernd.

Sondern aufmerksam.

Fast liebevoll.

Andrea beobachtet das Geschehen weiterhin aus dem Zuschauerraum.

Sie beobachtet.

Mehr nicht.

Auch die anderen Familienmitglieder rücken einander immer näher.

Schließlich umarmen sie sich.

Andrea spürt plötzlich tiefe Geborgenheit.

Sie schaut lange auf das siebenjährige Mädchen.

Dann sagt sie leise: „Sie muss gar nicht mehr so stark sein."

Lange bleibt es still.

Dieser Satz markiert den Wendepunkt. Nicht weil sich die Vergangenheit verändert hat, sondern weil Andrea sie innerlich mit neuen Erfahrungen verknüpfen konnte.

Die Zigarette hat ihre Aufgabe verloren. Das Gefühl, das Andrea als Kind nur über die Zigarette erreichen konnte, wird nun auf andere Weise erfahrbar.

An dieser Stelle ist das Ziel der Aufstellung erreicht. Die Ursache des Rauchens wurde bearbeitet. Nun kann die eigentliche Raucherentwöhnung fortgesetzt werden.

Ein Prinzip - viele Anwendungsmöglichkeiten

Am Beispiel von Andrea stand eine Familienaufstellung im Mittelpunkt.

Das zugrunde liegende Prinzip beschränkt sich jedoch weder auf Familien noch auf eine bestimmte Form der Aufstellung.

Ob mit Stellvertretern, Systembrett, Bodenankern oder ausschließlich mit inneren Bildern gearbeitet wird – entscheidend ist nicht das gewählte Medium, sondern ob es gelingt, Beziehungsmuster und Wechselwirkungen eines Menschen sichtbar und erlebbar zu machen.2)

Familienaufstellungen sind deshalb nur eine von vielen Anwendungsmöglichkeiten. Systemische Aufstellungen können beispielsweise eingesetzt werden zur Klärung von

  • familiären Beziehungsmustern,
  • Partnerschafts- und Generationenkonflikten,
  • Team- und Organisationsstrukturen,
  • inneren Anteilen und Glaubenssätzen,
  • Symptomen und Beschwerden,
  • Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen.

Im Grunde lässt sich alles aufstellen, was ein Mensch innerlich repräsentieren und in Beziehung setzen kann.

 

Das Prinzip bleibt immer gleich.

Nicht was oder wie aufgestellt wird, steht im Mittelpunkt.

Entscheidend ist, dass Beziehungen verständlicher und neue Erfahrungen möglich werden. 

 

Warum können innere Bilder so intensiv wirken?

Andreas Geschichte wirft eine naheliegende Frage auf:

Andrea hat alles nur imaginiert - vor ihrem inneren Auge erlebt.

Trotzdem entstanden Gefühle.

Körperreaktionen.

Neue Einsichten.

Wie können innere Bilder so intensive Gefühle auslösen und Veränderungen anstoßen?

Eine vollständig gesicherte Antwort darauf gibt es bislang nicht. Die Forschung zu imaginativen systemischen Aufstellungen steht zwar noch am Anfang, psychologische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse machen das Erleben während einer Aufstellung jedoch zunehmend nachvollziehbar.

Heute wissen wir, dass unser Gehirn Erinnerungen nicht wie einen Film speichert. Erinnern ist ein aktiver Prozess. Jedes Mal, wenn wir an einen Menschen denken, werden die dazugehörigen neuronalen Netzwerke aktiviert. Dabei werden nicht nur Bilder wachgerufen, sondern auch Gefühle, Körperempfindungen und körperliche Reaktionen, die wir mit dieser Beziehung verbinden.

Werden diese Netzwerke in einem sicheren Rahmen erneut aktiviert, eröffnet sich die Möglichkeit, Erinnerungen mit neuen emotionalen Erfahrungen zu verknüpfen.

So können belastende Erinnerungen heute anders erlebt und neu eingeordnet werden. 3)

Warum ich mit inneren Bildern arbeite

Ein wesentlicher Vorteil dieser Form der Aufstellung ist ihre Flexibilität.

Sie benötigt

- keine Stellvertreter (für viele Klienten wichtig bei schambehafteten Themen),

- keine Bodenanker,

- kein Systembrett,

- keine Vorbereitung und

- lässt sich je nach Fragestellung nahtlos mit anderen psychologischen Verfahren kombinieren.

Dies ist wichtig, weil in meiner Arbeit die Methode zu Beginn eines Coachings bewusst noch nicht feststeht.

Schließlich geht es zunächst darum, zu verstehen, wo die Ursachen des Anliegens liegen. Erst daraus ergibt sich, welches Vorgehen sinnvoll ist. Manchmal führt dieser Weg zu einer imaginativen Aufstellung – manchmal zu einer anderen Methode.

So war es auch bei Andrea. Erst im Verlauf des Coachings wurde deutlich, dass die eigentliche Ursache ihres Rauchens im Beziehungserleben ihrer frühen Kindheit lag.

Als wir diese Ursache bearbeitet und aufgelöst hatten, verlor die Zigarette ihre ursprüngliche Funktion.

Einige Monate später schrieb sie mir:

 „Ich habe seitdem keine einzige Zigarette mehr geraucht. Es stört mich nicht einmal, wenn andere in meiner Nähe rauchen. Und noch etwas hat sich verändert: Mein Mann sagt, ich sei irgendwie gewachsen.“

Dieser letzte Satz berührt mich bis heute.

Nicht, weil Andrea rauchfrei wurde.

Sondern weil er zeigt, dass die Zigarette nie das eigentliche Problem war.

Schlussbemerkung

Die Geschichte von Andrea zeigt exemplarisch, dass systemische Aufstellungen nicht zwingend Stellvertreter, Bodenanker oder ein Systembrett benötigen. Entscheidend ist nicht die äußere Form, sondern ob es gelingt, die inneren Beziehungsmuster eines Menschen erlebbar zu machen.

Die imaginative Aufstellung ersetzt klassische Aufstellungen nicht. Ihre besondere Stärke liegt vielmehr darin, dass sie sich ohne Vorbereitung unmittelbar in einen laufenden Coachingprozess integrieren lässt und die Möglichkeiten systemischer Arbeit dadurch sinnvoll erweitert.

Persönliche Anmerkung

Dieser Artikel beschreibt meine persönliche Arbeitsweise und mein heutiges Verständnis imaginativer systemischer Aufstellungen.

Sie beruhen auf vielen Jahren praktischer Erfahrung, unterschiedlichen Aus- und Weiterbildungen sowie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, die einzelne Aspekte dieser Arbeit nachvollziehbar machen.

Systemische Aufstellungen werden in Praxis und Fachwelt unterschiedlich verstanden und angewendet. Der hier dargestellte Ansatz folgt einer psychologischen Sichtweise und erhebt keinen Anspruch, andere Konzepte oder Schulen vollständig abzubilden.

Mein Anliegen ist es vielmehr, einen verständlichen Einblick in diese Form der Aufstellungsarbeit zu geben und dazu einzuladen, sich offen und kritisch mit ihren Möglichkeiten und Grenzen auseinanderzusetzen.

Das geschilderte Fallbeispiel wurde zum Schutz der Privatsphäre anonymisiert und in einzelnen Details so verändert, dass keine Rückschlüsse auf eine bestimmte Person möglich sind.

 

Fußnoten -------------------------------------------------------------

1) Ressourcen sind innere Erfahrungen, Fähigkeiten und Haltungen, die einem Menschen helfen, mit Belastungen umzugehen. Dazu gehören beispielsweise Vertrauen, Geborgenheit, Selbstwert, Mut oder Stolz.

Fehlen solche Erfahrungen, entwickelt die Psyche häufig Strategien, um diesen Mangel auszugleichen. Belastende Symptome oder Verhaltensweisen können eine Folge davon sein.

2) Nach heutigem Forschungsstand spricht vieles dafür, dass unterschiedliche Formen systemischer Aufstellungen auf vergleichbaren psychologischen Wirkmechanismen beruhen. Ob sie in jedem Einzelfall zu denselben Effekten führen, ist wissenschaftlich bislang nicht abschließend geklärt.

3) Die aktuelle Forschung zur Gedächtnisrekonsolidierung geht davon aus, dass Erinnerungen beim erneuten Abruf unter bestimmten Bedingungen aktualisiert werden können. Welche Wirkmechanismen bei systemischen Aufstellungen im Einzelnen ausschlaggebend sind, ist jedoch weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

 

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